_ /// ctrl+alt+delete (2009)


Audiovisuelle Komposition für drei Kanal-Video, Elektronik und Saxophon


Gary Berger: Konzept, Komposition, Musik
Optical-Noise: Design, 3-Kanal Video
Sascha Armbruster: Saxophon

Dauer: 32'
Produktionsjahr: 2009
Uraufführung: 4. Dezember 2009, Zürich
Formate: DVD und Quicktime Movie für Live-Performance

"ctrl + alt + delete" endstand als Auftragswerk der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK.

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Aus der Produktionsphase von «ctrl+alt+delete»


Vom Paradoxon einer Kunst im Zeitalter des Verschwindens

Indem er sie analysiere und verwandle, verleihe der Mensch der Welt Realitätskraft, gleichzeitig entledige sich der Mensch ihrer auf eben diese Weise, schreibt der französische Kulturphilosoph Jean Baudrillard in seinem letzten Essay „Warum ist nicht alles schon verschwunden?“ (2007), in der er die Konsequenzen der Spaltung in Wahrnehmendes und Wahrgenommenes, in Signifikant und Signifikat zu Ende zu denken versucht. Er bringt es in einer provokanten, wenngleich unleugbar logisch gedachten Aporie auf den Punkt: Jenseits reiner Unmittelbarkeit setzte mit der Entdeckung der Welt paradoxerweise auch ihr Verschwinden ein. Gerade weil er vermisst, dokumentiert, seziert, arbeitet der Mensch an seiner eigenen Auflösung.

Von dieser Entwicklung, getrieben von der Frage nach den Möglichkeiten der Repräsentation von Realität in einem solchen zeitgenössischen Kontext, handelt die multimediale Komposition „ctrl + alt + delete“ von Gary Berger (Konzeption/Musik/Komposition), Masus Meier (Design/Video) und Sascha Armbruster (Saxophon), in der sich auditive und visuelle, musikalische und filmische Mittel zu einem vielschichtigen Kunstwerk vereinen.

Die Klänge, die Farben und Formen orientieren sich an gemeinsamen, metamorphen Bezugsmustern. Entlang den Grenzen der Referentialität mäandern die Bilder, um schliesslich nur noch letzte Spuren der Gegenständlichkeit des gefilmten realen Materials aufzuweisen. Auf drei einzelne, rechteckige Bildschirme aufgeteilt, die nebeneinander aufgereiht eine ausgedehnte Horizontale bespielen, erscheinen authentische, aber durch digitale Bearbeitung fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Objekte. Unversehens entwickeln die ausgewählten Entitäten in Analyse – und Synthese – ungeahnte, überraschende neue Qualitäten und Formen. Was man eben noch meinte benennen zu können, entwindet sich alsbald eindeutigen Zuschreibungen, fordert die Phantasie des Betrachters heraus.

Wenn sich der Referenzcharakter der Erscheinungen und Töne auflöst, bleiben die frei flottierenden Zeichen, die sich zu immer neuen kaleidoskopartigen Patterns fügen – übrig bleibt, so orakelt Baudrillard, das Ektoplasma, die reine Oberfläche. Noch einmal zuckt der mediale Datenstrom in Ton und Bild auf, bevor auch er in den Schlund des Verschwindens hinein gezogen wird. Die kleine, augenzwinkernde Reverenz, die „ ctrl + alt + delete “ Jackson Pollocks Drip-Painting erweist, zeigt aber auch einen anderen möglichen Ausgang auf: Wenn sich der Künstler als aktives Subjekt im Kreationsprozess zurückzieht, kann die derealisierte Welt im Raum der Kunst vielleicht umso deutlicher zu sich selbst kommen. Eine solche Theorie der Kunst im neuen Zeitalter jedenfalls hat Baudrillard in seinem Essay angedacht. Das könnte der Grund sein, weshalb „ ctrl + alt + delete “ am Ende nicht in die Leere mündet.

(Textausschnitte aus dem DVD-Booklet von Bettina Spoerri)


Screenshots aus: ctrl + alt + delete (2009)