_ /// Herausfinden, welches meines ist...


Positionen – Texte zur aktuellen Musik
Ausgabe 49, Copy & Paste, November 2001



«Herausfinden, welches meines ist ...»
Zur Verfügung und Geschichtlichkeit des Materials

Was ist für junge Komponisten heute Material, welchem Musikverständnis neigen sie zu, welchen Stellenwert haben neue, mediale Verfahren wie copy & paste und was bedeutet Komponieren? Die Befragten reagierten auf drei Ihnen gestellte Fragen, die wir den Statements voranstellen, da einige auf diese Fragen unmittelbar geantwortet haben:

1. Inwiefern hat der heutzutage unkomplizierte Zugang zu allen nur möglichen und verfügbaren Klangmaterialien Ihr Komponieren beeinflusst?

2. Welche Bedeutung hat für Sie eine für die musikalische Moderne des 20. Jahrhunderts gültig gewesene Geschichtlichkeit des Materials mit all ihren Implikationen von Fortschrittsdenken und Veraltung?

3. Haben für Sie historisch definierte Tabus noch Gültigkeit oder ist alles gleich berechtigt, gleich verfügbar, gleich möglich und welche neuen kompositorischen Entscheidungsfindungen bestimmen Ihre Materialauswahl?


Gary Berger

Als junger Schlagzeuger wuchs ich mit Rock- und Popmusik auf, um mich dann mit ungezwungener Neugier im klassischen Musikstudium (Schlagzeug und Komposition) wieder zu finden. Heute erscheint es mir als logische Folge, dass ich auch den Bereich der Elektronischen Musik für mein kompositorisches Arbeiten entdeckte.
Die "unendlichen" klanglichen Möglichkeiten der Elektronischen Musik lockten – mir wurde jedoch bald klar, wie heikel gerade der "unkomplizierte" Zugang dazu, welcher nach wie vor ein grosses technisches Know-how voraussetzt, und die materielle Verfügbarkeit sein können, wie trügerisch die vermeintlichen Freiheiten sind. So weisen Soft- und Hardware aus dem Musikbereich, egal ob High- oder Low-Tech Elektronik, vielfach ihre eigene klangliche Ästhetik auf, die ich immer wieder aufzubrechen versuche, um nicht einem durch die Technologie vorgegebenen "klanglichen Diktat" zu unterliegen.
In diesem Sinne lässt sich, analog den technischen Entwicklungen, eine gewisse Geschichtlichkeit des elektronischen Klangmaterials definieren. Durch die rasante Entwicklung elektronischer Medien oder deren "Kurzlebigkeit" sind viele Werke nach wenigen Jahren aus rein technologischen Gründen nicht mehr oder nur unter grossem Aufwand aufführbar; fehlen trotz der digitalen Speicherung vielfach die damals dafür eingesetzten und heute nicht mehr zur Verfügung stehenden Geräte... So "veralten" vor allem live-elektronische Werke oftmals schneller als rein instrumentale. Auch muss der Einbezug von nichttraditionellem Klangmaterial oder Klangerzeugern nicht mit Innovation an sich gleichgesetzt werden – vielfach höre ich gerade in der elektronischen Musik Werke, deren Ausdrucksgehalt einer technischen Demonstration gleichkommen.
Durch meine Arbeit will ich letztendlich Wahrnehmungen und Hörweisen anregen und verändern und sehe darum die Innovation unter anderem in einer eigenständigen musikalischen Sprache, was einen sorgfältigen und differenzierten Umgang meinerseits mit dem enormen Klangpotential, welches mir trotz all meinen Vorbehalten nicht zuletzt durch die elektronischen Medien zur Verfügung steht, voraussetzt. Von dieser Seite betrachtet erübrigt sich die Frage nach der Geschichtlichkeit des klanglichen Ausgangsmaterials; so finden sich in meinen aktuellen live-elektronischen Werken sowohl Diktaphone wie auch Laptop-Programmierungen.
Da musikalisches Material sich generell verbraucht, indem der Ausdrucksgehalt sich verfestigt und durch Hörgewohnheiten an Wirkung verliert, sind Beziehungen in der "unendlichen" Verfügbarkeit stets neu zu definieren.