_ /// Musikalische Netze spannen


NEUE ZÜRCHER KLÄNGE (6) – TAGES-ANZEIGER, Oktober 1999


Musikalische Netze spannen

von Thomas Meyer

Der Komponist Gary Berger kommt von der Computermusik her, komponiert neuerdings aber auch für rein instrumentale Besetzungen.

"Klangsynthese" hiess das Zauberwort. Unter diesem Titel veranstaltete der Komponist Gerald Bennett einst einen Kurs im Computerstudio des Zürcher Konservatoriums, wo Gary Berger Schlagzeug studierte. Und weil der junge Musiker den Wunsch hatte zu komponieren, meldete er sich dort an, ohne viel von Computern zu verstehen. "Ich wusste kaum, wie man diese Geräte ein- und ausschaltet." Der Kurs wurde zum Schlüsselerlebnis, und daraus entstand eine Passion. Berger entdeckte das immense Potenzial dieser Technologie, besuchte bald verschiedene elektronische Studios in Genf, in Basel und am Ircam in Paris. Bei Julio Estrada am Upic in Paris und bei Bennett in Zürich studierte er Komposition. Bereits hat er sich mit seinen elektronischen Stücken über die Landesgrenze hinaus einen Namen gemacht, und seit 1996 gehört der 32-Jährige zur Geschäftsleitung des Schweizerischen Zentrums für Computermusik.

Abstrakter Klang

Ein totaler Computerfreak ist er deshalb nicht geworden. Er erkennt klar die Qualitäten und Grenzen der Technik. Das Schwierige an rein elektronischer Musik sei zum Beispiel ihre "Körperlosigkeit", sagt Berger. Der Auslöser des Klangs - sonst eine Stimme oder ein Instrument - bleibe hier unsichtbar; und der Zuhörer sei viel verletzlicher, weil er visuell nicht auf das Kommende vorbereitet werde. So bleibe der Klang vergleichsweise "abstrakt". Bergers Stück "im selben raum" von 1997 schiebt gleichsam Klangobjekte durch einen Hörraum und lässt sie aus immer neuen Blickwinkeln erscheinen; in "Zeitrisse" von 1998 arbeitet er mit "Netzen, welche sich sowohl in der Vertikalen als auch in der Horizontalen strecken beziehungsweise komprimieren lassen". Was in den Worten so theoretisch daherkommt, klingt durchaus überzeugend und entwickelt eine eigene musikalische Aussage.

Alles andere als steril

Gary Berger schätzt diese Art des Ausdrucks - und sucht sie doch zu erweitern. "Link" hiess ein Stück für Altsaxofon und Live-Elektronik, in dem er eben das Missing Link, das fehlende Glied zwischen Mensch und Maschine, suchte: eine Verbindung der Gegensätze. Was der Instrumentalist live spielt, wird in Echt-Zeit elektronisch weiterverarbeitet. Das Ergebnis ist alles andere als steril; mit jeder Aufführung ändern sich die Details. Das ist ein Reiz daran. Diese Reibung ist wichtig. Im neuen elektroakustischen Ensemble "Strom" geht die Vernetzung noch einen Schritt weiter. Was Rico Gubler auf dem Saxofon spielt, wird von Berger analysiert und umgewandelt, an einen weiteren Computer-Spieler weitergeschickt, dort weiter transformiert und schliesslich über Metallplatten zum Klingen gebracht. Der Computer wird in dem Stück namens "Zellen" zum Virtuosen. Am Schluss weiss man nicht mehr, wer was produziert hat. Es ist ein offenes Netz. Dabei geht es Gary Berger nicht um eine technische Demonstration. "Viele Computermusiker kommen von der Technik her. Dabei interessiert uns bei einem Brief auch nicht das System, auf dem er geschrieben wurde, sondern der Inhalt." Konsequenterweise bleibt er nicht beim Computer stehen. Der interessiert ihn zwar weiterhin - "Ich finde es nach wie vor nicht einfach, mit diesem Instrument Musik zu machen" -, und er unterrichtet auch an der Musikhochschule neue Notationsweisen auf dem Computer.

Als Komponist sucht er jedoch noch andere Wege. Wahrscheinlich also, dass er in den nächsten Jahren etliche rein instrumentale Stücke komponieren wird. Das erste - "Furchen" für Tenorbassposaune und Schlagzeug - wird am 7. Oktober in Göteborg uraufgeführt. Bei den Tagen für Neue Musik Zürich (5. Nov.) folgt das neueste Tonbandstück "unknüpfbar zerrissen". So bewegt sich seine Musik fernab von kompositorischen oder technologischen Ideologien. Es gibt noch viel zu erzählen.