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Contemporary swiss composers, Gary Berger – Publikation der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia (2003)



«...weisses Blatt Papier...»
Interview von Isabel Stierli, Pro Helvetia

Isabel Stierli: Du sitzt vor dem leeren Notenblatt und willst komponieren. Wie gehst du vor?

Gary Berger: Ich denke, in diesem Sinn existiert die leere weisse Seite nicht... Der Kompositionsprozess beginnt einige Zeit vor dem eigentlichen Notieren; ich setze mich intensiv mit Literatur auseinander, lese mich in Thematiken ein und stelle Konzepte und Strukturen auf. Aus dieser Vorarbeit, welche mehrere Wochen in Anspruch nehmen kann, aus meinen Erfahrungen und Ideen gilt es dann heraus zu schälen, was mir wesentlich erscheint. So gesehen sitze ich vielleicht eher vor einem schwarzen Notenblatt, vor der unendlichen Verfügbarkeit, aus welcher gezielt Strukturen und Systeme für das jeweilige Werk auszufiltern sind. Natürlich nehme ich im Schreibprozess noch stellenweise Modifikationen vor. Wenn ich an einen Punkt gelange, wo ich sehe, dass sich andere Wege ergeben und anbieten, kann es vorkommen, dass ich die von mir definierten Regeln breche. Ich verfolge ein Konzept nicht dogmatisch von A – Z, nur damit es sich erfüllt. So suche ich nicht nach "Edelsteinen", das Aufbrechen von Systemen dagegen erscheint mir wichtig. Bei einigen früheren Tonbandwerken steckte ich zeitlich einen absolut verbindlichen Rahmen, den ich konsequent zu Ende führte. Heute glaube ich, dass meine kompositorische Tätigkeit ein Balanceakt zwischen strukturellem Arbeiten und dem Einfliessen lassen von Intuition darstellt.

Isabel Stierli: Deine ersten Werke waren alle rein elektronisch (für Tonband). Seit ein paar Jahren schreibst du vermehrt Instrumentalmusik, vielfach in Kombination mit Live-Elektronik. Was hat dich zu diesem Wechsel bewogen?

Gary Berger: Mit Komposition setzte ich mich bereits während dem Schlagzeugstudium an der Musikhochschule Zürich intensiv auseinander und kam durch Gerald Bennett mit elektronischer Musik in Kontakt. Ein faszinierendes Feld mit neuen Klängen, Aussagen und Ausdrucksmöglichkeiten eröffnete sich mir; es inspirierte mich, mit abstrakten Klängen arbeiten zu können. So entstanden meine ersten Kompositionen für Tonband, wie z. B. Konglomerat (1993).
Nach Arbeiten am Schweizerischen Zentrum für Computermusik in Zürich studierte ich von 1994 bis 1995 am Unité Polyagogique Informatique du CEMAMU (UPIC) in Paris Elektroakustische Musik sowie Komposition bei Julio Estrada. Es entsprach mir, als Komponist gleichzeitig auch Interpret meines Werkes zu sein und während des Entstehungsprozesses am Computer auch kleinste Details meinen Vorstellungen entsprechend gestalten und ausführen zu können. Variabel bleiben einzig die Aufführungsräume; jeder Raum wirkt durch seine akustischen Gegebenheiten anders und fordert eine entsprechende "Orchestrierung" und Verteilung der elektronischen Klänge im Raum, also eine raumspezifische Interpretation des Tonbandwerkes. Aber auch die Kombination von Interpret und Elektronik hat mich schon früh interessiert, so schrieb ich in Paris das Werk ?Instants d’hiver? für Mezzosopran und Tonband (1994/95). Der unveränderbare und festgelegte zeitliche Rahmen des Zuspielbandes lässt einem Interpreten jedoch weniger gestalterischen Spielraum, als wenn die Elektronik in Echtzeit produziert wird und eine Interaktion zwischen dem Musiker und der Elektronik stattfinden kann. Die flexibleren Möglichkeiten der Live-Elektronik erlauben dem Interpreten eine zeitlich und interpretatorisch agilere Spielweise.
So begann ich 1998, mich gezielt mit Live-Elektronik zu befassen. Dadurch erhielt auch die Auseinandersetzung mit Instrumentalklängen einen ganz neuen Stellenwert, was ich unter anderem in einem Kompositionsstudium an der Musikhochschule Zürich und durch eine intensive Zusammenarbeit mit Instrumentalisten vertiefte.

Isabel Stierli: Wie setzt du Live-Elektronik in deinen Werken ein? Kann man sagen, dass sie in "Lichtempfindliche Erinnerungen" die Rolle des sechstes Ensemblemitglieds übernimmt?

Gary Berger: In der Live-Elektronik werden Klänge der Instrumentalisten in Echt-Zeit verarbeitet. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze. Im einen wirkt der Instrumentalist als Anreger und Inputgeber, der elektronische und oft effektvolle Prozesse auslöst. Vielfach erscheinen dabei die elektronisch verarbeiteten Klänge virtuoser als der Instrumentalist selbst, dieser agiert im Hintergrund und speist sozusagen das System mit Instrumentalklängen. Mir jedoch liegt die Möglichkeit näher, die Elektronik in einen kammermusikalischen Kontext zu stellen, das heisst, sie wird zu einem gleichwertigen, integrierten "Mitglied" des Ensembles, instrumentale und elektronische Aktionen ergänzen sich. In diesem Sinne übernimmt die Live-Elektronik in meinem Quintett "Lichtempfindliche Erinnerungen" (2000) die Rolle einer weiteren Stimme. Als integrierter Bestandteil unterstützt sie die Klanglichkeit des Ensembles und fügt sich organisch ein.

Isabel Stierli: Du greifst häufig auf Texte/Literatur als Ausgangsmaterial zurück. Wie gehst du damit um?

Gary Berger: Eigentliche Textvertonungen interessierten mich bis anhin nicht. Ich benutze den Text als Ausgangsmaterial, um Prozesse und Strukturen zu generieren, oder dem Sprechgestus des zugrunde liegenden Textes entlang zu komponieren, dies jedoch in jeder Komposition von neuem definiert. In meinem Werk "Lichtempfindliche Erinnerungen" zum Beispiel ging ich von einem Gedicht der deutschen Literatin Sabine Hübner aus, das in seiner inhaltlichen Aussage die Klanglichkeit dieses Stückes stark beeinflusste. Im weiteren leitete ich daraus unter anderem komplexe rhythmische Modelle sowie die grossformale Organisation ab. Mein besonderes Interesse galt dabei nicht-linearen Prozessen, eine Thematik, mit der ich mich noch immer befasse. So auch in meiner Komposition "zah" für Baritonsaxophon, Violoncello und Elektronik (2002), in welcher gerichtete Energie in Aktivitätsfeldern freigesetzt und durch Zeitverkürzungen stellenweise in ihrer Entfaltung und ihren linearen Verläufen "gehindert" wird. Es entstehen dadurch Augenblicke von Bewegung, die keine bestimmte Richtung einzuschlagen scheinen. Dem gegenüber stellte ich instrumentale und elektronische Fluktuationen, welche einen "ungerichteten", aber geladenen Erwartungsraum schaffen.

Isabel Stierli: Auch in "Doppelte Wendung" dient dir Sprache als Ausgangsmaterial, die bis in die kleinsten phonetischen Elemente zerlegt wird. Wie ist dieses Stück entstanden?

Gary Berger: Ein kurzer Textausschnitt aus einer italienischen Tageszeitung, der in seiner semantischen Aura ganz unterschiedliche Qualitäten aufweist, diente als wesentliche Vorlage für das Werk. Daraus zerlegte ich Textfragmente in Phoneme und Morpheme, welche die Grundlage für die verschiedenen Artikulationsweisen des Schlagzeugs und der Stimme bildeten und anschliessend musikalisiert wurden. Im weiteren transportierte ich die musikalischen Parameter der Stimme auf die Schlaginstrumente, dass sie stellenweise so klingen, wie wenn sie Stimme wären, und umgekehrt übertrug ich die Parameter der Schlaginstrumente, also Klangfarbe, auf die Stimme, dass sie stellenweise so klingt wie das Schlagzeug; eine gegenseitige Reflexion und Auslagerung. Auch die Rolle der Elektronik teilte ich in unterschiedliche Ebenen auf: Neben der Live-Elektronik wird auch ein vorproduziertes Tonband eingespielt. Dieses entstand dadurch, dass ich den italienischen Text auf ein bewusst gewähltes Kassettengerät sprechen liess und ihn wiederholt abspielte und wieder aufnahm. Aufgrund der schlechten Aufnahmequalität wurde der semantische Anteil mehr und mehr zersetzt, diesmal jedoch nicht im Sinne von Textzerlegung, sondern durch das sukzessive Auslöschen von Frequenzen während dem wiederholten Kopiervorgang. Das Ergebnis klingt ähnlich einer unverständlichen Durchsage in einer Bahnhofshalle; der Bezug zur Semantik fällt weg, Klangfarben treten in den Vordergrund. Zwischen Stimme, Schlagzeug und Elektronik entstehen so ständig Rückkopplungsprozesse und Verknüpfungen.

Isabel Stierli: Das Quintett "Lichtempfindliche Erinnerungen" war bis jetzt die grösste Besetzung, für die du geschrieben hast. Würdest du gerne einmal für eine grössere Besetzung, evtl. für Orchester schreiben?

Gary Berger: Ich kann es mir durchaus vorstellen, für Orchester zu schreiben. Ein Ensemble mit 20 bis 25 Musikern scheint mir jedoch schlanker und schneller zu sein als ein grosses Orchester und würde mich daher mehr interessieren. Zurzeit bin ich am Komponieren eines Bläseroktetts mit Kontrabass, ohne Elektronik, meine bisher grösste Besetzung.

Isabel Stierli: Erweiterungen gibt‘s ja auch über die Grenzen der Musik hinweg, durch andere Künste. Welche Wege zeichnen sich in dieser Hinsicht in deiner Arbeit ab?

Gary Berger: Neben meiner kompositorischen Tätigkeit will ich auch die Möglichkeiten der Multimedialität weiterverfolgen, speziell die Kombination mit visuellen Bereichen, wie ich dies zusammen mit der Videokünstlerin Karin Leuenberger aus Basel in meinem Projekt "Raumnetze – Netzräume" im Rahmen des Europäischen Musikmonats 2001 in Basel bereits realisiert habe. Das Zusammentreffen von Video und Live-Elektronik, zwei elektronischen Medien, und einem Instrument war sehr spannend und stellte Fragen nach Raum und der Relativität von Eindrücken ins Zentrum. Im weiteren ist eine Porträt-CD mit Kompositionen von mir in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Performer und Literaten M. Vänçi Stirnemann am Entstehen. Die reinen Tonbandwerke sollen nicht einfach dokumentarisch aneinander gereiht, sondern durch seine eigens dafür geschriebenen Texte verbunden werden. Durch diese Verkettung strebe ich eine Stringenz an, ein eigenständiges künstlerisches Produkt soll entstehen. So ist mir der Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern aus anderen Bereichen ebenso wichtig wie derjenige mit Musikerinnen und Musikern. Auch die Arbeit mit dem elektro-akustischen Ensemble STROM werde ich weiterführen.

Isabel Stierli: Mit dem Ensemble STROM konzertierst du auch als Interpret Live-Elektronischer Musik. Inwiefern unterscheidet sich das Musizieren in diesem Quintett von deiner Tätigkeit als Komponist?

Gary Berger: Im Ensemble STROM vernetzen sich vier ElektronikerInnen und ein Saxophonist. Diese Besetzung stellt eine spannende, musikalische Herausforderung dar. Unsere Arbeitsmethode im Ensemble STROM hat sozusagen "Laborcharakter": Wir probieren vieles aus und wissen zu Beginn oft nicht genau, was passieren wird. Es wirkt sich spannend aus, dass jedes Ensemblemitglied einen anderen musikalischen Hintergrund mitbringt, dadurch wird eine Ästhetik aufgebrochen. Durch die Vernetzung unserer sehr unterschiedlichen elektronischen Geräte und dem Saxophon als instrumentale Erweiterung des Ensembles entstehen andererseits stets neue klangliche Spannungsfelder und musikalische Kontexte. So sind wir neben dem Interpretieren von eigens für uns komponierten und bestehenden Werken auch improvisatorisch tätig, eine Musizierweise, die mir durch meinen Hintergrund als Schlagzeuger geläufig ist. In meinen eigenen Kompositionen dagegen finden sich keine improvisatorischen Teile, ich notiere meine Werke bis ins Detail genau aus. Die Auseinandersetzung mit Improvisation und neuen Formen aber führt immer wieder zu Impulsen, welche wiederum in meine Arbeit zurückfliessen.

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