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Auszug aus dem Programmbuch des Lucerne Festivals 2008



Thomas Meyer über das Auftagswerk «wellen.zerstäuben» für zwölf Schlagzeuger (2008) von Gary Berger

Der 41 Jahre alte Zürcher Gary Berger ist Schlagzeuger, ausgebildet an der Musikhochschule Zürich. Daneben studierte er sowohl instrumentale wie elektroakustische Komposition bei Julio Estrada in Paris sowie bei Gerald Bennett und Daniel Glaus in Zürich. Den Bereich der elektroakustischen Musik vertiefte er am Schweizerischen Zentrum für Computermusik sowie bei Curtis Roads am UPIC (Unité Polyagogique Informatique du CEMAMU) und am IRCAM in Paris. 2005 erhielt er das Werkjahr für Komposition der Stadt Zürich. 2006 war er Composer-in-Residence beim Institut International de Musique Electroacoustique de Bourges. Er gründete das elektroakustische Ensemble „Notstrom“ und unterrichtet seit 2001 elektroakustische Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste. Das Werk von Gary Berger umfasst Kompositionen für verschiedenste Ensemblebesetzungen und für Solo-Instrumente, beides mit und ohne Elektronik.

Zu den Perkussionsinstrumenten musste er über die Jahre erst wieder eine gewisse Distanz gewinnen. Vieles, so etwa die Pauken oder die Röhrenglocken, waren zu sehr mit der Aura des Sinfonieorchesters besetzt. An den Schlagzeugklängen interessiert Gary Berger vor allem die räumliche Disposition und deren Transformationen: „Ein aus meiner Sicht spannender Gesamtklang entsteht, wenn kleinste Intonationsverschiebungen Schwebungen hervorbringen.“

Die Grundidee zu seinem neuen Stück stammt aus der Quantenphysik, jenem Bereich also, der sich mit dem Winzigsten beschäftigt. Der verblüffende Effekt dabei ist: Die wellenartigen Bewegungen der Quanten und Photonen beschreiben zwar eine körnige Welt, die jedoch zerfällt, sobald man sie misst. Sie ist also nicht greifbar. Und auf ähnliche Weise sind wohl auch die Bewegungen nicht greifbar, die Bergers Musik beschreibt.

Wesentliches Element der Komposition, so sagt er, seien Schwebungen, die (als Interferenzen oder Summationen) entstehen, „wenn sich die Obertonstrukturen eng benachbarter Klänge überlagern und so eigenständige akustische Muster bilden“. Diese Schwebungen sind Perkussionsinstrumenten besonders eigentümlich, denn die Obertöne etwa bei den mit einem Kontrabassbogen gestrichenen Metallinstrumenten liessen sich nie genau aufeinander abstimmen. „Aus der Bewegungungsenergie der Schwebungen entsteht die Musik – ein wellenartiges Pulsieren mit unterschiedlichen rhythmischen Schichtungen und Temporelationen. Diese Textur bildet innerhalb der Komposition eine strukturelle Subebene, über welche zusätzlich gestisches, musikalisches Material erscheint.“

Berger vergleicht diese wellenartigen Strukturen aber auch mit jenem Moiré-Effekt im optischen Bereich, bei dem, durch die Überlagerung von unterschiedlichen Rastern, Helligkeitsmodulationen entstehen. Dieses Klanggewebe scheint wesentlich; durch den wellenförmigen Klangfluss entsteht eine eigentümliche Sogwirkung. Durch Fokussieren werden dabei einzelne Klangreliefs für Momente in den Vordergrund gehoben – ein Formen mit den Schichten. Darüber entfalten sich gestische Bewegungen, gerichtete Energie wird freigesetzt. Durch solches Changieren wird die Musik gleichsam „in sich verändernde Räume projiziert“.